Essen – doch mehr als nur Nahrungsaufnahme?

Ob wir uns einen Tag lang verausgabt haben und uns dann am Abend mit einem kräftigen Mahl belohnen müssen oder ob wir nicht so recht so wissen, was wir sollen und wollen und dabei immer wieder in die diversen Küchen- und Kühlschrankladen greifen: Essen dient nicht nur der Lebenserhaltung, es ist eine wunderbare Möglichkeit, sich selbst wieder zu spüren.

Unser Essen als Spiegelbild

Auf den engen Zusammenhang zwischen unserem unmittelbarem Leistungsvermögen und unserer Ernährung weisen viele Titel einschlägiger Bücher oder auch Sendungen hin: „Du bist, was du isst!“ und wie sie da alle lauten. Gelegentlich wird dabei eine sehr simple Bildlogik verwendet: Ich esse gerne Gummibärli, daher bin ich ein Gummibärli: dicklich, süß, zäh, mit großen Ohren,… Wenn das auch zu simpel gestrickt ist, so ist doch jedermann klar, dass sich unsere Ernährung ganz direkt auf unseren Energiehaushalt, unsere Stimmung und Schaffensfreude bzw. Schlafbedürfnis und auf etwas längere Sicht gesehen auch auf unser Körpergewicht auswirkt.

Erfrischungen während des Tages tun gut!

Situation 1: Essen, um genügend Kraft zu haben

Ein langer Tag hinter mir.

Von einer Besprechung zur anderen gehetzt, die Briefe nicht fertig, die ich hätte schreiben sollen, die Teambesprechung für morgen ist noch vorzubereiten, obwohl es jetzt 22h ist, vom Aufräumen auf meinem Schreibtisch kann ohnehin nicht mehr die Rede sein. Ich bin nur froh wenn nicht alles übereinander fliegt und ich aus der Erinnerung heraus ungefähr sagen kann, auf welche Stapelhöhe sich dieses oder jenes Schriftstück – Oh, pardon: „Frühstück“ wollte ich gerade schreiben! – zu finden ist.

Die Eindrücke, Bilder und Satzfragmente, schwirren nur so im Kopf herum und ich bin unfähig, jetzt in Ruhe zu denken. Ich muss es etwas ausklingen lassen und beschließe daher, etwas essen zu gehen. Da ich mich heute ordentlich angestrengt habe, bestelle ich die Käsespätzle mit Salat. Ich benötige etwas wirklich Kräftiges und Anhaltendes. Ich erinnere mich schemenhaft, dass ich zwischendurch etwas Schokolade gegessen habe, etwa die Hälfte einer großen 300g Tafel. Aber das war ja nur etwas Kleines zwischendurch. So richtig gegessen habe ich den ganzen Tag nicht.

„Mir ist bewusst, dass ich nun mehr esse, als ich jetzt am Abend sollte, aber ich brauche das, um den Wahnsinn zu überstehen!“, sagt Inge, Leiterin einer Abteilung. Leider ist geistige Tätigkeit genauso anstrengend wie körperliche, ohne jedoch vermehrt Kalorien zu verbrauchen, was zu groben Fehleinschätzungen unseres Kalorienbedarfs führt. Für unser Empfinden ist es egal, wo und wie wir uns angestrengt haben. Die Symptome (Mattigkeit bis zur Erschöpfung) sind die gleichen.

Der Griff in die Schoko-Lade

Situation 2: Essen, um etwas zu erleben

„Ich sitze am Schreibtisch. Der Brief ist angefangen, aber es fehlen mir wichtige Daten. Und ich weiß eigentlich nicht, wo ich danach zu suchen beginnen soll. Ich warte besser, bis Georg kommt. Der kann mir da sicher schnell helfen. Ich denke an das aufgetaute Tiramisu in der Küche. Habe zwar um 12 h gegessen, aber ein Tiramisu, das könnt ich schon vertragen! Das lockt doch zu sehr aus der Küche herüber und stört meine Konzentration. Allein schon der Gedanke an dieses cremige Gefühl am Gaumen mit dem Geschmack nach Kakao und Kaffee lässt mir das Wasser im Mund zusammen rinnen. Warum die Angelegenheit also nicht gleich erledigen? Ich gehe in die Küche und schneide mir ein schönes Stück herunter. Ich trinke ein Glas Milch dazu. Habe mir heute Magermilch gekauft! Ich spare also Fett und Kalorien! Nachdem ich mir das Stück in großen Gabelstücken einverleibt habe, sitze ich wieder am Schreibtisch und überlege, ob ich nicht doch zu viel gegessen habe. Dieses Tiramisu stört also noch immer meine Konzentration! Sollte ich vielleicht noch ein Stück ….?“

Kinder haben ein natürliches Sättigungsgefühl

Das natürlich Hungergefühl …

Beiden Situationen gemeinsam ist, dass nicht wirklich aus Hunger gegessen wird. Warum tun wir das? Hat uns nicht die Biologie die Mittel dazu mitgegeben, genau zu spüren, was wir und wie viel wir benötigen? Viele Tiere leben nach diesem inneren Wissen, und das ganz gut! Viele Faktoren spielen da vermutlich eine Rolle, dass uns das natürliche Empfinden abhanden gekommen ist: eine Unzahl von Diäten, immer wieder wechselnde Ernährungsempfehlungen, Ernährungsregeln und -vorschriften, welche uns von klein auf begleiten und nicht zuletzt auch Werbeeinflüsse, die uns weiß machen wollen, was gut ist und was „man“ gerade isst. Wie oft essen wir nur aus Gewohnheit. Und wir essen, was eben in unserem Tagesablauf leicht zu erhalten ist.

Die Biologie kann aber noch mehr als die Nahrungsmenge genau den Bedürfnissen anzupassen. Auch die Nahrungszusammensetzung wird oft auf ganz natürliche Weise passend gewählt. Wie wüssten sonst die Fliegen, die Spinnen und Vögel, die Rinder, Hunde und Löwen, was sie fressen sollten und was nicht? Versuche an Tieren haben sogar gezeigt, dass sie, wenn man Ihnen Futter vorsetzt, welches nicht ihren natürlichen Erfordernissen entspricht, diese dann bei der nächsten Gelegenheit den Ausgleich suchen, also sehr gut in der Lage sind, die verschiedenen Zusammensetzungen zu unterscheiden und einmal eher die fetteren, dann die eiweißreicheren oder auch kohlenhydratreicheren Anteile aus ihrer Beute zu nehmen. Nur die Menschen brauchen den Ernährungsberater oder den Ökotrophologen, weil sie nicht wissen, was ihnen gut bekommt?

Snacks nicht zusätzlich essen!

… ist abhanden gekommen

Nicht nur die anerzogenen und geregelten Ernährungsweisen sind dafür eine Erklärung, der Mensch ernährt sich tatsächlich sehr abgehoben von den natürlichen Voraussetzungen. Amerikanische Wissenschaftler haben eine schöne Demonstration gemacht mit Endlos-Computerpapier. Sie stellten damit die Ernährungsgeschichte der Menschheit dar. 60 Papierlaufmeter waren dabei die Menschen Sammler und Jäger. Sie ernährten sich von dem, was Sie in Wald und Wiesen vorfanden, bzw. auch im Wasser und in der Luft. Erst der letzte Meter stellt die Zeit der Lebensmittelwirtschaft, also Ackerbau, Viehzucht dar, der zu einem deutlich verbesserten Nahrungsangebot führte. Und schließlich ist das letzte Blatt jene Historie, in der der Mensch sich vorwiegend von verarbeiteten, also nach verschiedenen Rezepturen gekochten, gebratenen, gebackenen Speisen ernährt, wie uns dies heute selbstverständlich ist. Und nur ein kleines Stück auf diesem letzten Blatt des Endlospapiers sind die zubereiteten Lebensmittel, welche noch Konservierungsmitteln, Geschmacksverstärker beinhalten und die modernen Convenience-Produkte, die ein Gericht im Handumdrehen zaubern lassen. Da stellt sich natürlich die Frage des „Was soll ich essen“ ganz neu. Und möglicherweise ist bei diesen raschen Entwicklungen die Biologie doch etwas überfordert, uns bei diesem Angebot zu sagen, wo wir zulangen sollen und dürfen und wo nicht.

Noch etwas zur Vielfalt: Wir bekommen grünen Salat auch im Winter, nicht nur die reichlichen Obstsorten, auch sämtliche Fleisch-, Wurst- und Käsesorten, die „Faschingskrapfen“ und diversen Eissorten sind über das ganze Jahr erhältlich. In Summe essen wir nur wenig natürlich belassene Nahrung. Lange Zeit waren die Lebensmittel nur sehr eingeschränkt verfügbar. Dann erlebten wir eine Phase des Aufbruchs und der zahlreichen Entdeckungen, etwa von exotischen Früchten. Diese dauerte jedoch nicht lange und zur Zeit sind wir im Begriff, das mittelmäßige, nährwertarme aber kalorienreiche schnell erhältliche Essen zu einem globalen Standard zu machen. In jeder Stadt gibt es die gleichen Supermärkte mit gleichartigem Angebot, McDonald’s, und Starbuck’s und Burger’s, Chinesen, Pizzerias. Der deutsche Urlauber erwartet sich auch in Asien und Afrika sein Wiener Schnitzel oder seine Pizza. Damit sind die regionalen Unterschiede wieder merklich am Verschwinden.

Essen gehen als Belohnung

Sind Sie wirklich hungrig?

Ein erster Schritt in die Richtung eines natürlichen Essverhaltens ist, dass wir uns überlegen, ob wir jetzt wirklich hungrig sind. Es kann schon sein, dass das Ergebnis ist: Ich bin zwar nicht hungrig, ich habe aber jetzt Mittagspause und bis 15h schaffe ich es nicht mehr, durchzuhalten, also esse ich jetzt etwas. Allein aber zu spüren, wenn man Hunger hat und wann nicht, ist schon ein Fortschritt und bewegt uns vielleicht dazu, etwas weniger zu essen.

Vielfach kennen wir ja richtiges Hungergefühl gar nicht mehr, weil wir andauernd etwas essen und es so gar nicht mehr zu dieser Erfahrung kommt. Auch das wäre einen Versuch wert: so lange zu warten, bis man tatsächlich einmal Hunger bekommt. Was passiert? Wie fühlt es sich an?

Ein weiterer Schritt wäre, auf das Mittagessen zu verzichten und sich eine Kleinigkeit, einen Müsliriegel, einen Apfel, ein Joghurt bereit zu halten, für den Fall, dass der Hunger doch zu groß wird. Aber diese „Kleinigkeiten“ sollten nicht zusätzlich zu den Mahlzeiten gegessen werden. Damit wird das Soll sehr rasch überschritten. Keine Angst, sie sterben nicht so schnell! Der Körper hält wesentlich längere Zeiten ohne Nahrung aus als 5 Stunden! Und insbesondere ein wohl genährter Körper!

Oder doch? Haben Sie doch Angst? Wovor? Welche Bilder beschäftigen Sie? Welche Gedanken kommen Ihnen? Ist es das, was Sie sind? Jemand, der Angst hat, zu sterben? Angst, zu kurz zu kommen? Seine Ernährung umzustellen kann oft sehr erstaunliche Erkenntnisse mit sich bringen!

Das Bauchgefühl nach dem Essen

Fühlen Sie sich nach dem Essen wohl?

Die wichtigste und komplexeste Aufgabe ist es aber, herauszufinden, wie es uns nach dem Verzehr der einzelnen Lebensmittel geht. Fühlen wir uns wirklich wohl? Frisch und gestärkt? Oder schwer, müde, beladen? Haben wir rasch wieder Hunger oder sind wir angenehm und lange satt? Gibt es ein Druckgefühl im Bauch, in der Brust, ein Schweregefühl im Kopf, in den Beinen? Was sagen unsere Armmuskeln und Schulternmuskeln dazu? Sind Sie voller Tatendrang oder hängen sie schlaff in der Gegend herum, nur auf eine Unterlage wartend? Was tut sich ausscheidungsmäßig? Gehen Sie zur Toilette, weil Darm und Harnblase gereizt sind oder aus einem angenehmen Entleerungsbedürfnis? Und sie fühlen danach wirklich erleichtert, so wie es sein soll?

 

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